reflections

gelesen

schie? doch!


(quelle: www.monochrom.at)


am anfang steht die frage, ob man ein buch rezensieren darf, das man nicht gelesen hat. man darf! zumindest als begr?ndung, warum man es nicht lesen wird.

zu verhandeln ist hier sloterdijks dreib?ndiges opus sph?ren, band 1: blasen, 580 s., 26,60 euro, band 2: globen, 1.013 s., 33,80 euro, und band 3: sch?ume, ca. 800 s., 49,90 euro.

schlecht wurde mir zum ersten mal, als ich zum kaffee den tagesspiegel in die hand nahm und kerstin deckers rezension anl?sslich des soeben erschienenen dritten bandes "sch?ume" las.

er, sloterdijk, habe den mumm gegen ein verdikt des adorno und jeden philosophischen zeitgeist zu versto?en, indem er als "neobarocker gro?schriftsteller" der modernen philosophie mit ihren "hoch spezialisierte[n], f?r laien meist unverst?ndliche[n] traktate[n]" totze und eine ?ber tausend seiten "?u?erst lesbare, sogar unterhaltsame" philosophie vorlege.

er, solterdijk, habe vielmehr den mumm, gegen ein "grundverbot" der modernen philosophie zu versto?en: "keine ontologie! [...] die alte metaphysik ist tot!" als vertreter einer "nichtidealistischen ontologie", die anstatt von oben nach unten (wie bisher) von unten nach oben aufbaue, entwerfe er eine nichtphysikalische metaphysik (was freilich semantischer und ontologischer k?se ist).

"nicht als abstraktion des leeren raums, in den man dann etwas hineinstellen kann. sondern als menschliches leben, jetzt begriffen als eine den raum gestaltende, raumsch?pferische t?tigkeit."

was hier vor sich hin blubbert, produziert in der tat schaum vorm mund. einen schaum n?mlich, der nur dem zweck dient, die adornitische arbeit am holocaust als (und jetzt wird es richtig ?bel),

"leidenspathos der modernen"

zu diskreditieren. die rede ist von den

"unfreiwilligen adorno-nachbetern, \'den schwestern und br?dern vom besch?digten leben\'".

ob\'s nun der rezensentin zu danken ist oder doch irgendwo in den sloterdijkschen blasen nachzulesen, selten fand man das ziel einer gegenmodernen (deutschen) philosophie so klar ausformuliert: den opfern gilt nachzuweisen, dass sie pathetisch seien, dass sie also die holocaust-keule instrumentalisieren, um mit der holocaust-industrie gegen jedes v?lkische interesse die novo ordo seculorum zu errichten.

und dabei k?nnte man die sloterdijksche lebensphilosophie belassen: schie? doch! respektive: geh dich einschei?en!

einige richtigstellungen zu den metaphysischen verh?ltnissen, zu logos und verstehen seien jedoch noch gestattet.

"bei den tonangebenden nichtontologischen philosophen der gegenwart ist man zwar vor wohnzimmermief sicher, denn sie begn?gen sich von vornherein mit dem blo? formalen. das hat aber auch bisher kaum beachtete risiken. denn die philosophischen vertragstheoretiker, sprachanalytiker und kommunikationsphilosophen merken nicht einmal, dass sie, die vermeintlichen nachmetaphysiker, selbst die gr??ten metaphysiker sind. sie haben eine quasikantische, quasitranszendentale zwischendecke in die wirklichkeit eingezogen. es ist eine sehr kostbare zwischendecke, die bewahrenswerteste aller zwischendecken (die selbstrechtfertigung der rationalit?t), aber man kann von dort aus nicht mehr sagen, was darunter und dar?ber ist. und das eben ist metaphysik pur: die konstruktion einer voraussetzungslosen zwischendecke. was soll einer mit rawls? \'theorie der gerechtigkeit\' oder mit habermas? \'theorie des kommunikativen handelns\', sagen wir, im irak anfangen?"

der vorwurf an die rationalisten ist so alt wie der irrationalismus selbst: er, der logos, sei ein platonisches ideal und als solches ein unerreichbares, metaphysisches ziel, dem hinterherzurennen dem wettstreit von hase und igel gleiche. es sei lebensfremd, weil die mohrr?be immer einen zentimeter vor der nase h?ngen bleibe. dagegen setzt man auf pragmatismus: was soll man damit, sagen wir, im irak anfangen?

man wei? nicht: ist es dummheit oder ignoranz (wohl beides), das nicht wissen will, dass die ideengeschichte neben dem platonischen idealismus noch einen aristotelischen empirismus kennt: das bem?hen um welterkenntnis durch beschreiben. ja, haarspalter aller welt, aristoteles bedurfte eines motor immobilis, und selbstverst?ndlich war er es, der die metaphysik ins buchregal neben die physik sortierte. hier stand sie richtig, denn metaphysik ist beim stagyriten teil des verstehen wollens.

schon der kardinal nikolaus von kues wusste, dass das leben eine venatio sapientiae sei -- eine ewige jagd nach einsicht. nicht das ziel, das freilich metaphysisch entr?ckt wahrheit oder wirklichkeit hei?t, sondern eben einsicht bzw. einsehen wollen nennen wir das projekt der aufkl?rung.

"sloterdijk sagt, philosophen, die erst 2000 jahre tot sind, empfinde er als zeitgenossen. nat?rlich ist es eine frage des standpunkts und seiner akustik, ob man die stimmen der anderen h?ren kann oder nicht. hermeneutiker, philosophische textdeuter also, h?ren zwar auch immer stimmen, aber nur solche aus alten texten. sloterdijk h?rt textstimmen und wirklichkeitsstimmen gleich dazu."

wir entnehmen: philosophische textdeuter h?ren stimmen aus 2.000 jahre altem kaffeesatz. er aber, sloterdijk, h?rt wirklichkeitsstimmen.

dem wollen wir unseren lieblingshermeneutiker entgegenhalten:

"nur weil zwischen dem verstehenden und seinem text keine selbstverst?ndliche ?bereinstimmung besteht, kann uns am text eine hermeneutische erfahrung zuteil werden. nur weil ein text aus seiner fremdheit ins angeeignete versetzt werden mu?, ist f?r den verstehenwollenden ?berhaupt etwas zu sagen. nur weil der text es fordert, kommt es also zur auslegung und nur so, wie er es fordert. der scheinbar thetische beginn der auslegung ist in wahrheit antwort, und wie jede antwort bestimmt sich auch der sinn einer auslegung durch die frage, die gestellt wird. die dialektik von frage und antwort ist mithin der dialektik der auslegung immer schon zuvorgekommen. sie ist es, die das verstehen als ein geschehen bestimmt.?"
(h.-g. gadamer: hermeneutik: wahrheit und methode. grundz?ge einer philosophischen hermeneutik (= gesammelte werke, bd.1, t?bingen6 (durchgeseh.) 1990, S. 447)

verstehen als geschehen bedarf keines ideals, es ist freilich auf ein handelndes (ein geschehen lassendes) subjekt angewiesen. nicht auf ein unendlich entr?cktes objekt, das wahrheit hei?t, sondern auf ein verstehen wollen. wahrheit hat methode, methode hei?t verfahren, nicht ziel, und darauf kommt es an.

in der tat: wer nicht einsehen will, muss f?hlen. wer f?hlt, der schie?t. auf unfreiwillige adorniten, auf leiden, das pathos geschimpft wird, und auf jene armen s?ue, die, sagen wir, im irak versuchen, das projekt der moderne in form von s?kularisierung und demokratie zu installieren.

1 Kommentar 17.5.04 13:09, kommentieren



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